Interview mit Mathieu Carrière

Am Freitag sind die Lindauer Aufführungen des „Jedermann“ zu Ende gegangen. Die Titelrolle hat Mathieu Carrière gespielt, der am Samstag Lindau wieder verlassen hat, um zunächst noch seinen Freund Wolfgang Fiereck im Ulmer Krankenhaus zu besuchen. Vor seiner Abfahrt hat unser Mitarbeiter Winfried J. Hamann mit dem Schauspieler gesprochen, dessen französisch klingender Name hugenottischen Ursprungs ist.

LZ: Herr Carrière, gab es gestern noch eine richtige Abschiedsfeier?

Carrière: Eigentlich haben wir nach jeder Aufführung gefeiert und unseren Spass gehabt. Eure Oberbürgermeisterin samt Mann, die nach der Premiere dabei waren und die Kulturamtsleiterin samt den Mitarbeitern sind wirklich nett!

LZ: Wie zufrieden waren Sie persönlich mit den drei hiesigen Aufführungen?

Carrière: Es war ja jede Aufführung etwas unterschiedlich; mir hat es Spaß gemacht, das Nörgelige und Schwulstige des „Jedermann“ ein wenig salopp aufzubereiten; meinem Eindruck nach waren die meisten Reaktionen hierauf positiv, wenn nicht sogar begeistert.  

LZ: Ihre Art der Darstellung der Titelrolle hat in der Tat viel Lob erhalten, sie war aber trotzdem nicht ‚jedermanns’ Sache. Ging ihre Gestaltung mehr auf Ihre Auffassung oder mehr auf die des Regisseurs zurück?

Carrière: Wissen Sie, es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen Max Reinhardt, dem Regisseur der Uraufführung, Hugo von Hofmannsthal, mir und Uwe Niesig, dem Regisseur unserer Aufführung: keiner von uns ist gläubig. Für uns bedeutet das auch, keine Angst vor dem Tod zu haben. Wir wollten deshalb auch das „unglaubliche Gewabere“ dieses Stückes nicht immer mitmachen. Insofern waren wir uns in den Grundzügen einig, und deshalb hat Niesig zumindest in meinem Falle sehr viel Freiheiten gelassen.

LZ: Wie kamen Sie überhaupt zur dieser Rolle. Haben Sie sie zum erstenmal gespielt?

Carrière: Ja, zum erstenmal. Frau Trantow kam eigentlich deshalb auf mich zu, weil die ursprünglich vorgesehene Besetzung des „Jedermann“ verhindert war.  

LZ: Sie haben in vielen Filmen- und Fernsehproduktionen gespielt, sind Regisseur und Drehbuchautor. Wie fühlt sich Mathieu Carrière in einer Theater-Produktion in der Provinz?

Carrière: Sehr gut! Die grossen Städte sind ja bald alle pleite und meines Erachtens ist das groß-subventionierte Theater bald am Ende. Wir kommen wieder zurück auf die ursprüngliche Form des Theaters. In Städten wir hier ist das Publikum oft engagierter und vor allem weniger blasiert – und es kommt auch in grösseren Mengen! In Lindau selbst spürt man im Übrigen mehr „Kosmopolitisches“ als in den meisten anderen Teilen Bayerns…

Ich glaube auch nicht, dass „Event-Kultur“ so negativ gesehen werden muss: es hängt letztlich davon ab, wie man Kultur definiert. Ich bin durchaus dafür, dass man sich als Künstler auch an der Kasse prüfen lassen muss: und das haben die Lindauer bei drei ausverkauften Vorstellungen schließlich auch getan.

LZ: Was bedeutet das beispielsweise für die Klassiker?

Carrière: Man muss den Mut haben, sie aufzubrechen, aber trotzdem ihre Inhalte und Botschaften vermitteln. Das ist uns meines Erachtens mit dem „Jedermann“ auch gelungen. Und wer einwendet, Kultur könne auf diese Weise zum Zirkus verkommen, bitteschön: der Zirkus gehört zu den ältesten Kunstformen überhaupt. Sie funktioniert allerdings nicht immer.   

LZ: Wie geht es jetzt beruflich weiter?

Carrière:  Wir treten derzeit mit einer wunderbaren Produktion der „Edith Piaf“ auf, wo ich mich als Sprecher einbringe. Und im Herbst bin ich endlich wieder in Frankreich, wo wir einen Kostümfilm drehen.

LZ: Bei einem Interview mit Ihnen muss Ihr Kampf um eine gerechtere Rechtssprechung sowohl für Väter als insbesondere auch für Kinder erwähnt werden. Wann haben Sie Ihre 6-jährige Tochter zum letzten Mal gesehen? 

Carrière: Vor drei Wochen. Sie ist jetzt mit ihrer Mutter nach Venedig gezogen; also habe ich mir dort auch eine Wohnung genommen, um sie wenigstens ab und zu zu sehen. Denn wer einen Elternteil ausgrenzt, missbraucht sein Kind.

LZ: Wie optimistisch sind Sie, was die Erreichung Ihrer diesbezüglichen Ziele in der Gesetzgebung anbelangt? Planen Sie weitere öffentlichkeitswirksame Aktionen, um sie zu beschleunigen?

Carrière: Optimistisch bin ich nicht, wohl aber hartnäckig. Wir veranstalten zum Beispiel am 7. November in der französischen Botschaft Berlin, eine „Werkstatt“ zum Thema Trennungskinder und deutsches Familienrecht.  Menschenrechtler und Familienforscher werden ein Papier erarbeiten, das beiden Regierungen vorgelegt wird.  Der französische Botschafter Claude Martin wird mit dieser „Werkstatt“ den Auftakt für eine Reihe von Veranstaltungen geben zum Thema „Europa für die Bürger“.  Ziel ist eine Integration der Gesellschaftsmodelle der EU Staaten, ihre Anpassung an den Straßburger Standard.  Deutschland steht im internationalen Vergleich sehr schlecht da.  Die Bundesregierung ist schon siebenmal wegen Menschenrechtsverletzungen im Sorge- und Umgangsbereich verurteilt worden. Die deutsche Mutter steht laut Verfassung unter Artenschutz. Unverheiratete Väter haben keine Rechte. Wir müssen schleunigst eine Verfassungsänderung erkämpfen, sonst landet wieder eine Generation auf dem Müllhafen unserer „vaterlosen Gesellschaft“. Aufklärung durch Öffentlichkeitsarbeit ist unsere beste Chance.