Interview Wolfgang Töllner

Im Jahr 1982 hat Pfarrer Wolfgang Töllner die evangelische Kirchengemeinde „St.Stephan“ verlassen, um nach München in die Kirchenleitung zu gehen. Dort ist er Oberkirchenrat und vor allem für Ökumene, Gemeindeaufbau und Gottesdienst zuständig. Nach dem Rundfunkgottesdienst am Pfingstmontag hat unser Mitarbeiter Winfried J. Hamann mit ihm gesprochen.

LZ: Mit welchem Gefühl gingen Sie heute in Ihre ehemalige Kirche und Gemeinde?

Töllner: Mit Wiedersehensfreude und – wegen der vielen vertrauten Menschen – mit einem  Heimatgefühl. Auch mit Dankbarkeit, ab meinem damaligen Alter von 28 Jahren vierzehn Jahre lang hier tätig gewesen zu sein zu.

LZ: Wie würden Sie den wichtigsten Unterschied zwischen Ihrer früheren Arbeit als Gemeindepfarrer und Ihrer jetzigen Tätigkeit beschreiben?

Töllner: Damals gab es die unmittelbaren Begegnungen mit allen Lebenssituationen. Heute kümmere ich mich um die konzeptionellen, materiellen und personellen Rahmenbedingungen für all die verschiedenen Erscheinungsformen der Kirche, etwa bei Gemeinden auf Zeit oder der Kirche vor Ort, wie sie beispielsweise auf Campingplätzen vorkommt.  

LZ: Sie haben heute im Rundfunkgottesdienst mitgewirkt. Welche Bedeutung hat dieses Medium für die Kirche?

Töllner: Eine herausragende: sie erreicht in Bayern sonntags mehr Hörer als Menschen in den Kirchen sind. Interessanterweise gehören dabei die 30- bis 40-Jährigen zum größten Hörerstamm. Ein Rundfunkgottesdienst ist mit das beste Pferd, das Bayern 1 am Sonntagvormittag vorzuweisen hat.  

LZ: Was hat sie am diesem Rundfunkgottesdienst besonders beeindruckt?

Töllner: Die Tatsache, dass ihn auch viele katholische Christen qualifiziert mitgestaltet haben – etwa im Orchester, dem Chor oder an der Orgel. Vielleicht ein erster Schritt, um den 2. Pfingstfeiertag einmal mit einem ökumenischen Gottesdienst zu begehen – was im Übrigen auch in Kreisen der katholischen Bischofskonferenz durchaus mit Sympathie gesehen wird.     

LZ: Was tut die Kirche, um der schwindenden Zahl ihrer Gottesdienstbesucher, aber auch ihrer Mitglieder entgegenzuwirken?

Töllner: Das ist ein Mythos; die angesprochenen Zahlen sind seit etwas 20 Jahren stabil und liegen bei etwa 2,7 Millionen. Gleichwohl bemühen wir uns, beispielsweise durch Gottesdienste im Freien oder profilierte Musik wie heute Menschen zu erreichen. Durch den Mangel an Innovation im musikalischen Populärbereich erleben derzeit gerade Gospelchöre einen wahren Boom.  

LZ: Gegenwärtig hat man den Eindruck, dass das Verbot für Katholiken, am evangelischen Abendmahl teilzunehmen, die größte Hürde für die Ökumene sei. Wie sehen Sie das?

Töllner: Der Hinweis des Papstes bedeutet nichts Neues. Denn die theologische Unterschiede zwischen dem Amtsverständnis katholischer Pfarrer und seinen Auswirkungen auf das Abendmahl bestehen ja tatsächlich. Die Frage, weshalb er gerade im Vorfeld des Kirchentages so deutlich gemacht wurde, steht auf einem anderen Blatt

LZ: Glauben Sie, dass der theologische Streit um diese Frage das „Imageproblem“ der Kirche noch weiter belastet und von Menschen, die der Kirche ohnehin fern stehen, gar nicht mehr verstanden wird? 

Töllner: Zweifelsohne, denn es wird vor allem der Umstand wahrgenommen, dass die Christen keinen gemeinsamen Weg finden. Es berührt also vor allem ihre Glaubwürdigkeit, und zwar jenseits der Konfessionen.

LZ: Ergänzen Sie zum Schluss bitte diese drei Sätze:

Die Kirche im Jahr 2020…

„wird sich auf weniger Aufgaben als jetzt beschränken und dadurch profilierter als derzeit erkennbar sein.“

Wenn ich Gemeindepfarren einen Rat geben würde…

„Ungefragt sollte man niemals einen Rat geben. Grundsätzlich aber sollte jeder Pfarrer seine Gaben erkennen, zu ihnen stehen und sie mit denen anderer ergänzen.“

Wenn ich nach Lindau komme, dann…

„freue ich mich jedes Mal wieder auf die wohltuende Landschaft und die Begegnung mit meiner eigenen Biographie.“