LINDAU – Wenn sich ein Publikum aus Leuten zusammensetzt, von denen sich die einen auf den Mopedführerschein und wieder andere aufs Rentnerdasein freuen, kann der Anlass nicht schlecht sein. Und den gab es jetzt beim Auftritt der jungen Funkband „Schein“ im Club Vaudeville. Die Mischung aus rotzfrechem Entertainment und bärenstarker Musik sorgte für ausgelassene Stimmung.
Durfte man sich in München schon mal den Titel „Band des Jahres“ an die Brust heften, so schneit jetzt ausgerechnet aus Österreich, über das „Schein“ im Club so lustvoll gelästert hat, die nächste Auszeichnung herein: Als beste ausländische Band gab es den „Austrian Newcomer Award 08“.
Ganz so neu ist die Band, die 2001 in Freising gegründet wurde, freilich nicht – doch was die acht Jungs an musikalischem und textlichem Pfeffer unters Volk streuen, könnte frischer und ansteckender kaum sein. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Musik, der sich die Band so leidenschaftlich verschrieben hat, ihre Blütezeit hatte, als noch gar keiner von ihnen auf der Welt war. „Schein“ packt den Funk an den Wurzeln und nutzt die besonderen Techniken, die damals etwa die Spielweise des Basses – schlagen und zupfen – und der Gitarre beeinflussten, setzt auf knackige Bläsersätze und ein robustes rhythmisches Fundament, das unmittelbar zum Tanzen animiert.
Technische Spielereien wie Synthesizer oder Drumcomputer, die einst den Funk in die Kommerz- und Discoecke getrieben haben, bleiben außen vor. Stattdessen dominieren der Sprechgesang und die Texte Georg Müllers, der das Publikum mit seiner respektlos-sympathischen Art in kürzester Zeit im Griff hat und mit ihm offenbar machen kann, was er will: Wer kann es schon wagen, sämtliche Leute auf der Tanzfläche in die Knie zu zwingen und sie dort mehr als eine Minute verharren zu lassen?
Frivole Anzüglichkeiten, ein loses Mundwerk und der unverblümte Hang zur Geschwätzigkeit: Das sind die Elemente, mit denen der musikalische Kopf der Truppe kokettiert und die man ihm auch gerne zugesteht. Denn stets bekommt er dabei die Kurve zum Witz und zu jener Ursprünglichkeit, welche diese Band unverwechselbar machen.
Spektrum des Clubs erweitert
Mehr als zwei Stunden, und die ohne Pause, heizte „Schein“ dem Publikum ein. Mit Stücken wie „Was ganz Cooles“ oder „Tanzmusik“, aber auch mit angetäuschten Versatzstücken aus netter Polka oder bravem Beat stieg der Stimmungspegel zusehends, bis er sich am Ende in einer mitreißenden Zugabenserie erneut entlud. „Schein“ hat das Spektrum musikalischer Angebote des Club Vaudeville noch mal erweitert. Bleibt zu hoffen, dass sich dies fortsetzt, ehe die Fans ihren Mopedführerschein oder die Rente bekommen.