Covergirl (Barbara Herold)

Covergirl zeigt das Geschehen in Abu Ghraib aus Sicht der Soldatin

Trotz sommerlicher Temperaturen und eines beklemmenden Themas hat das Stück „Covergirl“ rund 50 Zuhörer ins Zeughaus gelockt. Die zeitgemäße Form, die starke Darstellung Maria Fliris und die aktuelle Problematik haben das Publikum stark beeindruckt.

Digitalkameras, das war die eine Erkenntnis dieses Abends, haben das Fotografier-Verhalten komplett verändert. Schamgrenzen sind gefallen, und die immerwährende Verfügbarkeit hat dort, wo einst Hobby und Ehrgeiz zusammenkamen, einen unermesslichen Pool der Beliebigkeit geschaffen. Mitunter erlangen solche Zufalls-Fotos eine unbeabsichtigte Verbreitung oder fallen in „falsche“ Hände – in Schülerkreisen weiß man davon ein Lied zu singen.

In Abu Ghraib, wo unter den Soldaten oft Langeweile herrschte, wurde auch viel geknipst. Dort entstand im Jahr 2003 jenes Bild, das die 21-jährige Lynndie Rana England vor einer nackten Menschenpyramide zeigt. Auf einem anderen führt sie einen Iraker an der Hundeleine herum. Ihr damaliger Freund – 14 Jahre älter als sie – hatte geknipst. Auch diese Fotos kamen in Umlauf, erzeugten weltweit Empörung und brachten beide ins Gefängnis.

„Covergirl“ macht keineswegs den Versuch, diese menschenverachtenden und erniedrigenden Taten zu verharmlosen. „Ein bisschen wollte ich schon zur Army,“ bekennt Lynndie, und: „Ich finde ja wirklich, dass wir da ganz schlimme Dinge getan haben.“ Doch wie so oft, wird einem das Ausmaß solcher Handlungen im Augenblick des Geschehens gar nicht bewusst.

Barbara Herold schildert die Vorgänge in Abu Ghraib aus Sicht der Soldatin ohne Pathos, ja sogar mit einer gewissen Leichtigkeit und gelegentlichem Humor. In ihrem als Rückblick angelegten Stück – Lynndie wurde im Frühjahr 2007 vorzeitig aus der Haft entlassen – nähert sie sich mit authentischen Äußerungen und großem Einfühlungsvermögen der jungen „Täterin“.

Alles auf offener Bühne

Zum Schicksal eines „Covergirls“ gehört es dabei, dass dies ungeschützt und auf offener Bühne geschieht. Hier agiert Maria Fliri mit großartigem Spiel und einem Reichtum gestischer Facetten, die das Einpersonenstück in keinem Moment langweilig werden lassen.

Immer deutlicher jedoch schälen sich im Zeughaus das Urproblem und die fatale Gesetzmäßigkeit eines jeden Krieges heraus: Ziel der Handelnden ist es, den Gegner zu demütigen, ihn als „Untermenschen“ zu brandmarken. Und man beobachtet, wie subtil und gerissen es den jeweiligen Befehlshabern gelingt, diese Denkweise wie Gift in die Köpfe der Untergebenen fließen zu lassen und jede noch so scheußliche Tat als unerlässlichen Teil des eigenen „gerechten“ Krieges erscheinen zu lassen.

„Covergirl“ bietet keinen Hinweis, weshalb ausgerechnet Lynndie Rana England diesem Denkmuster hätte widerstehen können. Dass dies wohl immer so bleiben wird, war die andere, nur allzu bekannte Erkenntnis des Abends.