LINDAU (harn) – In Sachen Abwechslung ist das Zeughausprogramm derzeit kaum zu überbieten. Dass sich dabei Zuhörer und Zuschauer jederzeit auf gute Qualität verlassen können, hat zuletzt der Villon-Abend bewiesen.
Für Francois Villons „Lasterhafte Balladen und Lieder“ lässt sich spätestens seit Klaus Kinski allemal ein Publikum finden. Und wie es sich hierzulande anhört, wenn einer schmachtet: „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“, das dürfte ohnehin auf berechtigte Neugierde stoßen. So ähnlich wird sich das Werner Geis bei der Vorbereitung zu diesem Abend gedacht haben – und der erfreuliche Besuch und die gute Resonanz haben gezeigt, dass er mit dieser Einschätzung recht hatte.
Zwischenzeitlich setzt Geis bei solchen Lesungen nicht mehr allein auf die Wirkung des Textes, sondern sucht sich zusätzlich kompetente Partner und sorgt für ein Bühnenbild, das eine theaterähnliche Atmosphäre schafft. Die aber war im Paris des 15. Jahrhunderts trist, ärmlich und düster – im Zeughaus fand sie ihren optischen Widerhall in entsprechenden Vorhängen, ein paar Ballen Stroh und in liebevoll ausgewählten Kostümen, die den Zeitsprung leicht machten.
Französisch war dann die Musik angehaucht, mit der Lutz Nollert das Programm eröffnete, französisch war auch die muntere Begrüßung durch Werner Geis. Was folgte, war eine geschickt verteilte Mischung zwischen Biographischem einerseits – diesen Part erfüllte mit lässig-ironischem Grundton Krischan Rauschenbach -, und Balladen und Liedern andererseits. Wer allerdings um die furchtlose, oft derbe sprachliche Kraft des mittelalterlichen Lyrikers weiß, konnte bereits ahnen, was dieser „Klartext“ in Folge zu Tage fördern würde. Mit bitterer Ironie wühlt da einer in der Vergänglichkeit aller Schönheit, unbarmherzig schildert er das Leben in der Gosse und unter Gaunern, zupackend erzählt er von mancher Leidenschaft zum anderen Geschlecht und davon, wie rege einst von Schwert und Galgen Gebrauch gemacht wurde.
Entblößend offen
Einiges davon hat Lutz Nollert in zeitgemäße Lieder verwandelt und auch sonst viele musikalische Akzente gesetzt, die das Geschilderte verdeutlichten. Sichtlich inspiriert zeigte sich Werner Geis von seinen Versen, denen er mit theatralischen Mitteln zu Leibe rückte und dabei zu mancher Nachdenklichkeit anregte. Nicht klar wurde allerdings, weshalb er zusehends auf das (beim ersten Mal durchaus originelle) rollende „R“ zurückgegriffen hat, das sich bei einem französischen Schriftsteller nicht aufdrängt. Wohl auf Grund dieser Einschränkung werden auf viele Zuschauer vermutlich die überragend umgesetzten Rezitationen von Birgit Dietlein den tiefsten Eindruck gemacht haben; einmal mehr war zu bewundern, wie sie sich in ihren jeweiligen Text fallen lassen kann und sich schauspielerisch verausgaben, ja geradezu entblößen kann – diese Frau sollte ganz offensichtlich ihr Talent wieder einmal auf einer Theaterbühne zeigen.
So ist es der hohen Qualität dieses „literarischen Quartetts“ und ihrer Inszenierung gelungen, tiefen Einblick in Werk und Leben des spät entdeckten Dichters zu vermitteln – für beides gab es langen Beifall.