Groß und klein (Botho Strauß)

Beklemmende Geisterfahrt durch den Mittelstand

Trotz herrlichen Sommerwetters war das Zeughaus voll besetzt: Die neue Produktion „Groß und klein“ von Botho Strauß zeigte das „Theater Blauer Kater“ mit einem zeitgenössischen Stück, das seit seiner Entstehung im Jahr 1978 nichts an Aktualität eingebüßt hat.

Da also sitzt Lotte mit ihrem Beglückungs- und Kontaktpotenzial, das keiner, haben will; lebt in einer beziehungsscheuen Gesellschaft, die ihresgleichen als Nervensäge empfindet. Eine beklemmende Geisterfahrt durch den bundesdeutschen Mittelstand nimmt Fahrt auf, und Heide Mündelein versteht es, vom ersten Schrecken abzulenken. Darauf, dass es vielleicht doch noch gelingen könnte, endlich in die geschlossene Gefühlsabteilung ihrer Mitmenschen einzudringen, muss sie sich bis zum Schluss konzentrieren, darf weder mutlos noch deprimiert drauf los spielen. Und so kämpft sie als Lotte diesen aussichtslosen Feldzug, steckt lächelnd eine Niederlage nach der anderen ein und will nicht begreifen, dass der Wunsch nach Nähe kein Eroberungsziel ist. Mit feinem Gespür und einem schier unerschöpflichen Ausdrucksvorrat gedeiht zu schauspielerischer Klasse, was in schlichter Penetranz hätte stecken bleiben können.

Elisabeth Gessau hat es sich – aber auch den Zuschauern – nicht leicht gemacht und damit gleichermaßen anspruchsvoll wie ansprechend daran erinnert, dass Theater auch herausfordern darf. Den Handlungsbogen dieses Strauß’schen Szenenreigens muss der Zuschauer fest im Visier behalten, um ihn ja nicht als beziehungsloses Hintereinander wahrzunehmen.

Dass dies in der Regel erfolgreich verhindert wird, liegt auch an der kargen, gleichwohl eindrucksvollen Ausstattung der Hauptbühne, die in merkwürdigem Kontrast zur ziemlich realistischen Seitenbühne steht. Dort ficht Axel Hartneck als Ehemann denselben trostlosen Kampf gegen die Sprachlosigkeit und Vereinsamung wie Heide Mündelein, und Ula Below ist ihm eine allzu ferne, leicht gestörte, aber glänzend gespielte Gattin.

Der psychologische Gehalt und die Brüchigkeit dieser „Nachtwache“ lässt ahnen, wie intensiv die vorangegangene Probenarbeit gewesen sein muss. Dass darüber der Sinn für das rechte Maß an humorvoller Dosierung nicht verloren gegangen ist, spricht für die Erfahrung von „15 Jahren Blauer Kater.“

Auf diesem, dem humorvollen Feld tut sich besonders Peter Kristukat mit geradezu Loriot’scher Präsenz hervor, aber auch der hinreißende Benni Spähn oder Gitarrenspieler Johannes Schön verleihen dem düsteren Spiel ein wenig Farbe und Glanz. So löst sich in der umwerfend komischen, dabei so traurigen Diaschau (wahrhaft anrührend: Lore Schaaf und wiederum Peter Kristukat) für erleichternde Minuten der melancholische Druck dieses Schauspiels, den sonst nur Außenseiter wie der betrunkene Türke – hervorragend: Erwin Rundel – zu durchbrechen vermögen. Michael Roth wirkt in der Diktat-Szene ein wenig indifferent, doch bringt er als wissenschaftlicher Assistent sein beachtliches stimmliches Format in Position.

Zu all den Erwähnten, die teilweise in Doppelrollen brillieren (wie llo Klein, die sich einmal mehr als besonders zuverlässig erweist), findet Heide Mündelein das spielerische Gespür. Doch die Reaktionen der „Gesellschaft“ werden immer abweisender, immer undurchdringlicher deren selbstgewählte Isolation. Lotte landet zuletzt im Wartezimmer eines Arztes. Doch das, was ihr fehlt, kann auch der nicht heilen. Gute zweieinhalb Stunden währt der beängstigende Blick auf diese „Gesellschaft“, und Heide Mündelein nimmt zurecht die besonders kräftigen Bravos für ihre Leistung entgegen.