Biografie: Ein Spiel (Max Frisch)

Endlich gelingt der Start in die Theatersaison

Nach zwei holprigen Startversuchen ist mit dem Wintereinbruch nun doch der notwendige Schwung im Lindauer Stadttheater angekommen. „Biografie: Ein Spiel“ von Max Frisch belohnte das Warten mit einer spannenden Idee, intelligentem Humor und einer bühnenwürdigen Umsetzung.

Eine gute, wenn auch hypothetische Frage: An welcher Stelle hätte man eine andere Wahl treffen müssen, um dem Leben eine ganz andere Richtung zu verleihen? Verhaltensforscher Hannes Kürmann – nach sieben Jahren am Ende einer prickelnd und verheißungsvoll begonnenen Ehe – erhält diese Chance: Privileg eines Theaterstückes.

Ein „Spielleiter“, den Rainer Delventhal genussvoll und mit Eifer gibt, spult also verschiedene Szenen aus dem Leben des unglücklichen Professors vor und zurück, lässt sie neu „bespielen“ und bespricht dann mit ihm, was man löschen wolle, um sich dann für eine gültige Endfassung entscheiden zu können. So einfach ist es mit der bekannten Behauptung „Ich wüsste genau, was ich anders machen würde“ jedoch nicht. Wann damit beginnen? Kürmann ist überzeugt, dass sein Leben diese betrübliche Wendung vor sieben Jahren nahm, als Antoinette, seine spätere Ehefrau, in sein Leben trat. Deshalb konzentrieren er und sein „Spielleiter“ sich vor allem auf jenen Abend, als sich Hannes und Antoinette zum ersten Mal begegnen.

Antoinette wird von Andrea Gloggner verkörpert. Sie macht es den Zuschauern ziemlich leicht, sich eine intelligente, selbstbewusste und ziemlich hübsche Frau vorzustellen, deren erotischem Reiz sich Hannes weder damals noch jetzt, wo er alles ungeschehen machen könnte, erwehren kann. Spielt er noch alle möglichen erfolglosen Varianten durch, die jene Begegnung, vielleicht sogar die nachfolgende Heirat, in jedem Falle aber den unaufhaltsamen Niedergang ihrer Beziehung hätten vermeiden können, so erscheint sie deutlich abgeklärter: „Ich schlafe nicht mit vielen Männern; aber wenn es dazu kommt, bin ich jedes Mal froh, wenn ich hinterher mit mir alleine bin.“ Er hingegen gefällt sich in geistreicher Anmache: „Ich werde Sie auf Händen tragen: Sie eignen sich dazu.“ Die Chance, es bei einem einmaligen Date zu belassen, ist vertan. Die Möglichkeit allerdings, hieraus sprühendes Theater zu gestalten, nutzen die Darsteller auf eindringliche Weise.

Es sind glanzvolle Wortduelle, die sich Bernd Seebacher in der Rolle des Professors und Andrea Gloggner als seine Frau liefern. Hier der gestrenge, noble und charmante Gelehrte, der nur allzu schnell die Beherrschung verliert und so eine gehörige Mitschuld am Auseinanderdriften ihrer Beziehung trägt; dort die souveräne Schönheit, die später als Ertappte zu erleben ist: Sie gesteht die Seitensprünge, die sie so lange zu verbergen wusste.

Ein rundum gelungener Abend

Klar, dass der Gehörnte die Möglichkeit nutzt, unterschiedliche Reaktionen auf dieses Geständnis zu erproben, um seinem Leben oder wenigstens dieser Beziehung doch noch eine andere Wendung zu geben. Letztlich wird sie es sein, die durch ihren Weggang bei der damaligen Begegnung die sieben Jahre danach ungeschehen macht – und prompt erscheinen die bei Kürmann seltsam inhaltslos.

Frederike Bohr und Reinhard Horras geben für die Spielszenen insgesamt acht verschiedenen Rollen ein lebendiges Gesicht, ernten sogar Szenenapplaus, und halten dadurch diese Inszenierung von Manfred Grewe bis zuletzt spannend und abwechslungsreich. Für das Publikum dürfte das Stück von Max Frisch endlich wieder einmal eine Menge Gründe für das geliefert haben, was man sich unter einem rundum gelungenen Theaterabend vorstellt.