Diese Komödie kommt nicht so richtig an
Ziemlich reserviert hat das Lindauer Publikum Ödön von Horváths Komödie „Zur schönen Aussicht“ aufgenommen. Auch wenn die Inszenierung von Thomas Kamper in sich stimmig war, so konnte sie nicht verhindern, dass zahlreiche Zuschauer dem sperrigen Stück bereits in der Pause den Rücken kehrten.
So wenig golden die „Goldenen zwanziger Jahre“ waren, so wenig schön ist es in diesem heruntergekommenen Hotel „Zur schönen Aussicht.“ Ganz zu schweigen von der Erwartung, es könne sich bei dieser „Komödie“ um ein Lustspiel im herkömmlichen Sinne handeln. Vielmehr versammelt Ödön von Horváth sechs verkrachte Existenzen, erklärt sie zu Prototypen des aufziehenden Nationalsozialismus und überlässt es dem Zuschauer, ob das zu seiner Vorstellung eines erbauenden Theaterabends passt. Entsprechend schwer haben es der Max und der Karl, die Müllers und Strassers und die Adeligen Freiherr und Freifrau von Stetten, des Publikums Teilnahme bei dem Versuch zu erheischen, absurde Rollenspiele fernab der Welt zu vollführen.
Zwischenfall mit einer Hure
Nur Christine, anrührend gespielt von Pippa Galli, hat mit dieser zynischen Welt nichts zutun. Sie möchte wieder zurück zu Strasser, dem Vater ihres unehelichen Kindes. Der aber versucht ihr und den drohenden Alimenten dadurch zu entrinnen, dass er das Ganze gewissermaßen als bedauerlichen Zwischenfall mit einer Hure erklärt; dabei wird er nach Kräften von den anderen Mitbewohnern unterstützt, denen längst alle Moral abhanden gekommen ist.
Wäre da nicht dieses verlogene Vorspiel gewesen, so hätte ausgerechnet diese Christine „zur schönen Aussicht“ ja zum Ausweg aus der verdorbenen Welt werden können, die sich die anderen zurechtgelegt haben. Als sie nämlich von den zehntausend Mark spricht, die sie geerbt hat, durchschaut sie den heuchlerischen Sinneswandel der Männer, die auf einmal um sie buhlen und verlässt das Hotel. Sie verzichtet auf eine Beziehung mit dieser Sorte Männer. „Man müsste den lieben Gott besser organisieren“, resümiert sie und lässt den Autor fortfahren; „Man müsste ein anderes Gesetzbuch schreiben.“ Antwort von Müller: „Das wäre das Ende der Familie.“ – „Wenn schon.“ – „Und das Ende des Staates.“ – „Wenn schon!“ Dafür freilich kamen Horváths Empfehlungen zu spät.
Thomas Kamper hat die sechs anderen Protagonisten dieses Stückes mit einer gehörigen Portion von Lieblosigkeit, Gefühlskälte und Pessimismus versehen: ein kaputter Haufen in einer kaputten Welt, die von Geld, sexueller Ausschweifung und Anpassung geprägt ist. Die Atmosphäre wirkt trist und aussichtslos – insofern dürften sowohl das Bühnenbild als auch die Regie die Intentionen des Dichters getroffen haben. Wie sehr das allerdings zu den Dingen gehört, die man so ungefiltert, so direkt (und möglicherweise so unvorbereitet) an einem Theaterabend verdauen möchte, steht auf einem anderen Blatt.