Minna von Barnhelm (Gotthold Ephraim Lessing)

Handy bleibt aus: Theater kann auch Spaß machen

Als „Präservativ“ – so Lessings eigene Beschreibung – gegen falschen Patriotismus oder übersteigerten Ehrbegriff dürfte seine „Minna von Barnhelm“ heute wohl keine Wirkung mehr erzielen. An ihrer Bühnenwirksamkeit aber hat sie kaum etwas eingebüßt.

Ganz unberechtigt waren die Sorgen mehrerer Theaterbesucher nicht, die sie sich angesichts einiger Schüler machten, die da mit Pizza, aktivem Handy und MP3-Player ins Theaterfoyer strömten. Offenbar wollten sie sich rüsten, um der befürchteten Langeweile zeitgemäß zu begegnen (vielleicht aber wurde einigen der Unterschied zwischen Kino, Disco und Theater trotzdem nicht ganz klar). Gottlob bot die flüssige Inszenierung von Ellen Schwiers kaum Anlass für den Einsatz der erwähnten Mittel, und möglicherweise waren ein paar dieser Theaterneulinge sogar überrascht, dass es Aufführungen gibt, die richtig Spaß machen können.

Denn dazu muss man dieses Tourneegastspiel zählen, das jetzt auf der Lindauer Bühne Halt gemacht hat. Dort nämlich schläft zunächst Major Teilheims Bediensteter Just, den Thomas Ney zu einer witzig-platten Bühnenfigur zwischen Otto, Schlitzohr und Papageno verarbeitet, und die deshalb auch zur Melodie von „Ein Mädchen oder Weibchen“ träumen darf (die hat zwar erst ein knappes Vierteljahrhundert später das Licht der Musikwelt erblickt, aber geträumt werden durfte sie schließlich trotzdem).

Auch die anderen zugkräftigen „Nebenrollen“ hat Ellen Schwiers mit prallem Leben gefüllt und sie als charakteristische und herrliche Typen über die Bühne geschickt. Mit Christian Pätzold (gewesener Wachtmeister), Holger Schwiers (Wirt) und Jürgen Bauer (Riccaut de la Marliniere) hat sie diese Schauspielriege allerdings auch luxuriös besetzen können. Gleichzeitig hat die erfahrene Regisseurin der Versuchung widerstanden, die Paraderolle der Franziska (Minnas „Mädchen“) zur heimlichen Hauptrolle umzuwandeln – was mit der keck und schlau aufspielenden Tatjana Pokorny gewiss kein Problem bereitet hätte: Weit davon entfernt, „auf Sparflamme“ zu agieren, ist es ihr vielmehr gelungen, gleichermaßen durchtrieben, charmant und spontan zu wirken.

Auf Schnickschnack verzichtet

Besonders souverän sind Timothy Peach und Annette Wunsch mit ihren Hauptrollen umgegangen: hier der verabschiedete Major von Tellheim, der so anschaulich an seinem sonderbaren Ehrbegriff leidet, ohne aber gleich als Liebhaber unvorstellbar zu werden; und dort Minna von Barnhelm, die in dieser Aufführung stilsicher ihre Entschlossenheit demonstriert, den Tellheim doch noch rumzukriegen, ohne dabei ihre Würde zu verlieren. Dabei hat ihr subtiles Spiel, mit dem sie den Ehrbegriff ihres Gegenübers ad absurdum führt, nichts mit Gehässigkeit oder Überheblichkeit zu tun, sondern allein mit ihrer Schlauheit und weiblichen Überlegenheit: All das ist im Spiel von Annette Wunsch in sicherer Hand.

Das Bühnenbild hat auf jeden ablenkenden Schnickschnack verzichtet und somit die Absicht unterstützt, vor allem die Handlung und die spielerischen Elemente in den Mittelpunkt zu stellen. Dass dies offensichtlich bestens gelungen ist, hat der lange Schlussbeifall gezeigt.