Nostalgie ist schlimmer als Herzinfarkt
Da hat sich manche Vorstellung in der Vergangenheit schier drei Stunden lang abgekämpft, um als Komödie durchzugehen – und dann kommt solch ein Stück: „Ich bin nicht Rappaport“ zeigte, dass knapp zwei Stunden manchmal mehr unterhalten können als kunstvoll verpackter Klamauk. Ein anregender Theaterabend, der viele begeistert hat.
Midge heißt der eine und ist schwarz. Nat nennt sich der andere. Doch der heißt auch Hernando oder Dr. Engels, und wenn die Situation es erfordert, auch mal ganz anders. Rappaport jedenfalls nicht, wie er betont. Aber Rappaport ist Nats Synonym und Einstieg in all die Situationen, in denen es gilt, der altersfeindlichen Welt Paroli zu bieten.
Die vielfach ausgezeichnete Komödie von Herb Gardner, der im vergangenen Jahr verstorben ist, spielt im Central Park New Yorks. Zwei Bänke bilden den wichtigsten Teil der Kulisse, die rundherum mit herbstlichem Laub bedeckt ist und damit auch an den Herbst des Lebens erinnert, in dem sich jeder der beiden Männer auf seine Weise einrichtet.
Für Peter Striebeck und Ralf Schermuly, den Maskenbildnerin Gerlinde Trautmann täuschend echt in einen Schwarzen verwandelt hat, müssen diese beiden Rollen eine herrliche Herausforderung sein. Denn mit geradezu liebevoller Penetranz tischt Peter Striebeck seinem Mitspieler jene Geschichten auf, die man für geeignet halten muss, den Vorurteilen gegenüber dem Alter Einhalt zu gebieten. Mit wahrer Leidenschaft stellt Striebeck den engagierten Altkommunisten auf die Bühne, scheitert triumphal an seinem Versuch, als gefährlicher „Pate“ zu imponieren und kann kaum die Schadenfreude über die Spuren verbergen, die seine Attacke auf den Kommunikationswissenschafter Danforth (Jan-Peter Heyne) hinterlässt. Statt dick aufzutragen, wozu seine bravourös inszenierten Lügenmärchen verführen könnten, arbeitet Striebeck mit feinem Gespür, überzeugender Mimik und abgeklärter Gestik das facettenreiche Innenleben dieses liebenswerten Typen heraus.
Das hat spielerische Klasse
Er führt seinen ehrlichen Kampf gegen die Rolle, welche die Gesellschaft Leuten seines Schlages und seines Alters zugedacht hat, und wenn er die Nostalgie als Krankheit alter Leute beklagt, die gefährlicher sei als der Herzinfarkt, dann spürt man, dass dies die Überzeugung sowohl von Nat als auch die seines Darstellers Peter Striebeck sein dürfte.
Ralf Schermuly als Midge steht ihm dabei an Überzeugungskraft in nichts nach: Wie er sich als duckmäuserischer Hausmeister, der seine Stelle bedroht sieht, zu einer zwar widerspenstig, aber erfolgreich wach geküssten Persönlichkeit entwickelt, das hat spielerische Klasse. Auch wenn er als Midge nie das bauernschlaue Situationsverhalten seines Gegenspielers entwickeln wird – Schermulys Spiel lässt vermuten, dass die Midges Begegnung mit dem revolutionären Parkgenossen manche Reaktion auslösen wird, zu der er sich zuvor nie hätte hinreißen lassen.
So endet dieses Spiel mit der Verheißung, dass Nats auflehnendes und geistvolles Gedankengut wohl manche Blessuren nach sich ziehen wird, dass dies aber ein angemessener Preis ist, um auch im Alter eine ernst zu nehmende Rolle in einer jugendverliebten Gesellschaft zu spielen. Für all das gab es eine Menge Applaus für das Stück und die Darsteller gleichermaßen.