Mit der „Glut“ fängt die neue Saison Feuer
Das Experiment ist gelungen: Wegen des großen Erfolgs vor zwei Jahren wurde „Die Glut“ in Heribert Sasses Inszenierung erneut ins Programm genommen. Und wieder ist das Publikum in großer Zahl gekommen, um sich zum Saisonauftakt zwei Stunden in Bann ziehen zu lassen.
Einfach ist es nicht, einen so Wort- und Wertelastigen Roman wie Sándor Márais „Die Glut“ in ein bühnentaugliches Theaterstück zu verwandeln. Knut Boeser, der sich dieser Aufgabe erfolgreich unterzogen hat, wird trotzdem geahnt haben, dass alle Mühe umsonst wäre, wenn letztlich auf der Bühne kein Schauspieler von Format zur Verfügung stünde. Doch um einen solchen handelte es sich natürlich im Falle von Ezard Haussmann, der es einmal mehr verstand, das enorme Fragenpaket abzuarbeiten, das Sándor Márai dem scheinbar misanthropischen General Henrik aufgebürdet hat, um es den Schauspieler dann einen Theaterabend lang scharfsinnig und in dramatischen Redeappellen abarbeiten zu lassen.
Worum ging es? Nach 41 Jahren sehen sich die einst unzertrennlichen Freunde Henrik und Kónrad wieder. Kónrad, arm, aber kunst- und musikinteressiert, hatte den zwischenzeitlich verheirateten adeligen Freund plötzlich ohne Abschied verlassen – vermutlich hatte er ein Verhältnis mit Henriks Frau Christina, und vermutlich waren sie und Kónrad nahe daran, Henrik wegen ihrer Beziehung aus dem Wege zu räumen. Lag es also an diesem einen versäumten Augenblick, an Kónrads mutmaßlicher Feigheit, dass dieser danach fluchtartig ins Ausland ging, Henrik kein einziges Wort mehr mit seiner bald darauf verstorbenen Frau sprach und er selbst sich vollkommen zurückzog? Konnte es sein, dass die Leidenschaft – „Die Glut“ – zu einer Frau sämtliche Werte, die einst ihre Freundschaft ausmachten, in Frage gestellt oder gar zerstört hat und drei Lebenswegen eine ganz andere Richtung gegeben hat?
Es gab also eine Menge zu bereden an diesem Abend. Und für Kónrad eine Menge anzuhören; dieser fand in dem stattlichen Stefan Lisewski einen aufmerksamen und auch ein wenig rätselhaft wirkenden Interpreten. Erst als Henrik den Satz zitiert, den Christina nach Kónrads Weggang gesagt hat („Er ist geflohen, der Feigling“), lässt Stefan Lisewski erkennen, zu welch mimischer Vielfalt er eigentlich fähig ist. Dabei war schnell klar: Henrik sann nicht auf Rache, sondern er hatte sich 41 Jahre lang gequält und darauf vorbereitet, endlich all die Fragen zu stellen, die dem Ganzen einen Sinn geben könnten.
Qualen spürbar gemacht
Ezard Haussmann macht diese Qualen spürbar, fast meint man, er leide selbst an dieser tragischen Geschichte, die da ihren Abschluss und ihre Erklärung finden soll. Sein Wechsel zwischen mildem Verständnis und beißender Anklage fesselt, und doch gelingt es ihm, dem gleichermaßen offenen wie vieles erklärenden Schluss eine versöhnliche Note zu verleihen, weil endlich jeder der beiden gesagt hat, was gesagt werden musste.
„Die Glut“ hat gleich zu Beginn der Theatersaison große Anforderungen an Schauspieler und Zuschauer gestellt; als Einstieg für die Saison 2004/2005 ist es ihr aber auch gelungen, erste Erwartungen zu erfüllen und Lust auf das weitere Programm zu wecken.